Offener Brief der Rechtschreibwerkstatt

Anlässlich der Bonner Studie zu Methoden im Rechtschreibunterricht und angesichts der Pressemeldung „Die ‚Fibel‘ führt zu besserer Rechtschreibung“ veröffentlichte die Rechtschreibwerkstatt einen offenen Brief.

Sehr geehrte Frau Professorin Röhr-Sendlmeier,

vielen Dank für Ihre standardisierte Antwort-Mail auf meine Bitte hin, uns die Studie zur Verfügung zu stellen. Da dies nicht geschehen ist, hier einige Anmerkungen und Denkanstöße dazu.

Fragwürdige Vorgehensweise

Sie schreiben in Ihrer Standard-Mail-Antwort: „Die Studie ist noch nicht in aller Ausführlichkeit schriftlich nachzulesen, aber ich kann Ihnen schon heute eine Zusammenfassung schicken …“ Das ist bereits ein Widerspruch in sich: Zusammenfassen kann man nur das, was vorliegt. Ebenso wenig plausibel ist: „Ich sende Ihnen zusätzlich einen Text, in dem wir ausführlich die Fragen der Pressestelle der Universität Bonn zu unserer Studie beantwortet haben.“ – Ein Interview mit Ihrer eigenen Pressestelle ist allerdings wenig geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen.
Zusammengefasst: Die Studie ist nicht veröffentlicht, weder in einer anerkannten Fachzeitschrift mit Peer-Review noch als Dissertation oder in einem Fachbuch, Sie geben aber eine Pressemitteilung zu den Ergebnissen heraus – ein aus wissenschaftlicher Sicht höchst fragwürdiges Vorgehen. Wäre das versehentlich passiert, wäre es schon ein großer Fauxpas. Aus Ihren Antworten wird jedoch deutlich, dass Sie dieses Vorgehen bewusst so gewählt haben.
Wenn ich Sorge hätte, dass meine Studie einer kritischen Prüfung durch Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit nicht standhält, dann würde ich genau diesen Weg wählen: medienwirksam Ergebnisse verkünden, für Details auf später vertrösten und hoffen, dass später keiner mehr so genau nachfragt. Es geht Ihnen also ganz offensichtlich nicht um den offenen, wissenschaftlichen Diskurs oder eine sachliche Debatte, sondern um gezielte Meinungs- und Stimmungsmache. Sie bauen darauf, dass Ihre Eingaben von den Medien ungeprüft übernommen und multipliziert werden, bevor jemand genauer hinsehen kann. Und genau das passiert.
Wenn Sie dann schreiben „Leider ist in der allgemeinen Presse nicht in allen Einzelheiten korrekt über unsere Studie berichtet worden.“, dann ist das schon zynisch. Schließlich haben Sie selbst nicht ansatzweise versucht, „in allen Einzelheiten korrekt über Ihre Studie zu berichten“.
Und Sie legen Wert auf den Hinweis, dass Sie Ihre „Studienergebnisse bereits der nordrhein-westfälischen Bildungsministerin mitgeteilt“ haben. Leider kann auch das Bildungsministerium mit Studienergebnissen – ohne die Möglichkeit einer Überprüfung, wie diese zustande gekommen sind – wenig anfangen. Wenn dieser Hinweis Eindruck schinden oder politischen Einfluss suggerieren sollte, dann ist es leider nicht gelungen. Ich bin davon überzeugt, dass im Bildungsministerium genug Sachverstand und gesunder Menschenverstand versammelt ist, um dieses Vorgehen zu durchschauen.
Sie haben der Medienwelt in Deutschland genau die populistischen Schlagworte geliefert, die jetzt völlig undifferenziert und größtenteils sachlich falsch die Runde machen. Das ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern in höchstem Maße unseriös.
Es ist unredlich, wenn einfach sogenannte Ergebnisse einer „systematischen Untersuchung“ an „über 3000 Grundschulkindern aus NRW“ in die Medien kolportiert werden, zugleich aber nur von 237 Kindern vollständige Ergebnisse vorliegen. Und es ist unredlich, wenn Sie Ihre Aussagen in keiner Weise durch nachprüfbare Beschreibungen der Untersuchung untermauern können.

Viele offene Fragen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es nur so wenige „groß angelegte Studien“ zur Wirksamkeit unterschiedlicher Unterrichtsmethoden gibt? – Weil sie extrem aufwendig sind, wenn man sie seriös durchführen und am Ende aussagekräftige Ergebnisse erzielen möchte, und damit natürlich auch extrem teuer. So viele Faktoren beeinflussen das, was ein Kind am Ende des Tages gelernt hat, so viele Variationen in der Umsetzung eines Unterrichtskonzepts durch die Lehrkräfte gibt es, ebenso viele methodische Fallstricke bei der Auswahl, Durchführung, Auswertung und statistischen Analyse von Tests, und all diese Einflussfaktoren müssen kontrolliert und erfasst werden – eine echte Mammutaufgabe! Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um das sicherzustellen? Hier nur ein kleiner Auszug der Fragen, die sich einem aufmerksamen Leser stellen:

  • Wie lautete(n) die Hypothese(n), mit der (denen) in die Untersuchung gegangen wurde? (Genauer, protokollierter Wortlaut)
  • Wurde(n) die Hypothese(n) im Verlauf der Untersuchung verändert? (Ggfs. warum? Wann? Wie? Protokolle dazu?)
  • Welche Schulen wurden ausgesucht und nach welchen Kriterien?
  • Beschreibung dieser Schulen (Sozialindex, Größe der Schulen, ländlicher / städtischer Raum etc.)
  • Wie wurden die Lerngruppen (für jede Methode) an den Schulen ausgesucht und nach welchen Kriterien?
  • Wie setzen sich die jeweiligen Lerngruppen zusammen? (Beschreibung nach soziokulturellen Bedingungen für jeden einzelnen Probanden in der Gruppe, Erfassung der Daten bezüglich Elternhaus, Elternunterstützung, bis dahin, ob das Kind regelmäßig ein Frühstück bekommt (denn auch das hat einen großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Kinder) usw.) Wie wurde dies gemessen und wie fließt das in die Ergebnisse ein?
  • Sind die untersuchten Lerngruppen bezüglich ihrer Lernausgangslage vergleichbar, nicht nur im Mittelwert, sondern auch in der Streuung (Stichwort Heterogenität)?
  • Beschreibung der Lehrer der einzelnen Lerngruppen (für jede Methode). Aspekte wie Ausbildung, Unterrichtserfahrung insgesamt und im Besonderen mit der jeweiligen Methode, absolvierte Fortbildungen, Motivation spielen dabei eine entscheidende Rolle.
  • Wie wurden einzelne Methoden definiert? Wie wurde sichergestellt und auch dokumentiert, dass alle Methoden konzeptgetreu unterrichtet wurden?
  • Welche Materialien kamen in den einzelnen Lerngruppen tatsächlich zum Einsatz, sowohl konzepteigene als auch zusätzliche / fremde Materialien?
  • Hatten alle Lerngruppen die gleiche wöchentliche Lern- und Übungszeit für die Rechtschreibung zur Verfügung? Wie wurde dies erfasst?
  • Wie wurde die Hamburger Schreibprobe in den einzelnen Lerngruppen vorbereitet und durchgeführt? Wie wurde sichergestellt, dass die Bedingungen für alle Lerngruppen und alle Probanden gleich waren?
  • Wie wurden diese notwendigen, immer gleichen Bedingungen, die sich aus den oben angerissenen Fragenkomplexen ergeben, für alle Lerngruppen und für alle Probanden über einen Zeitraum von drei Jahren bzw. für die Dauer der Untersuchung aufrechterhalten und in regelmäßigen Abständen überprüft?
  • Warum wurde die Längsschnittuntersuchung nach drei Schuljahren beendet und nicht bis zum Ende der Grundschulzeit fortgeführt?

Die Liste offener Fragen könnte noch lange fortgesetzt werden – aber vielleicht wurden diese Fragen auch nie gestellt und werden somit nie beantwortet ... Man weiß es nicht. Fest steht nur: Solange nicht beantwortet werden kann, ob die untersuchten Lerngruppen in allen genannten Punkten tatsächlich vergleichbar waren, ist die Schlussfolgerung Ihrer Studie ungültig. Ohne diese Antworten weiß keiner, was die Unterschiede in den Testergebnissen verursacht hat, und die ehrlichste Antwort wäre: „Irgendwas.“
Insbesondere weiß man nicht (und hier fragt auch komischerweise keiner, auch bei SPIEGEL Online und auch Sie in ihrem Interview mit sich selbst nicht): Wie oder von wem wurde die Studie finanziert?
Sie machen es sich zu einfach: Mit vielfach unzulässigen Simplifizierungen kommen Sie zu plakativen und populistischen Annahmen und Aussagen. Dafür ist die gesellschaftliche und damit schulische Realität zu komplex, zu differenziert und zu vielfältig.

Kein einheitlicher „Fibelansatz“

Es ist bei Ihnen wiederholt vom „systematischen Fibelansatz“ die Rede, der in den Schulen zum Einsatz komme. Nur gibt es diesen überhaupt nicht. Sie thematisieren nicht, dass in den Schulen eine Vielzahl von Fibeln und Fibellehrgängen mit den unterschiedlichsten Zusatzmaterialien verwendet werden. Welche Fibel genau in der Studie untersucht wurde oder ob es gar mehrere verschiedene waren, legen Sie nicht offen. Kein Wort darüber, dass Fibelunterricht ohne den Einsatz von Zusatzmaterialien kaum Differenzierungsmöglichkeiten in den immer heterogener zusammengesetzten Lerngruppen bietet.
Vielmehr legen Sie den Schluss nahe, dass, wenn man Rechtschreibwerkstatt und Lesen durch Schreiben eliminiert, mit der Rechtschreibkompetenz in Deutschland wieder alles in Ordnung ist. Sie unterschlagen dabei, dass es gar keine Rückkehr zur Fibel geben kann, denn „die Fibel“ war nie weg und hat einen Marktanteil von über 90 %. Der vom SPIEGEL zitierte IQB-Bildungstrend spiegelt so gesehen ein Ergebnis wider, das mehrheitlich mit Fibelunterricht zustande gekommen ist – ein klassisches Eigentor für den Fibelunterricht.
Nahezu hanebüchen wird es, wenn Sie in einem Interview bei SPIEGEL Online Eltern empfehlen, zu fordern: „Wir als Eltern wünschen, dass in den Unterricht Regeln hineinkommen, zum Beispiel durch Einsatz eines modernen Fibellehrwerks.“ Mit Blick auf die fundamentale Kritik, die ich hier äußere und die Sie von der Fachwelt sicher noch erreichen wird, hört an dieser Stelle auch meine Toleranz als Geschäftsführer des Verlages der Rechtschreibwerkstatt auf. Sie wollen sicher nicht ernsthaft glauben machen, Unterricht ohne Fibel fände regellos statt?
Wenn Sie persönlich schon einmal mehreren Stunden Unterricht mit den von Ihnen beschriebenen und unter-suchten Methoden beigewohnt hätten, kämen Sie für den Unterricht mit Rechtschreibwerkstatt nicht nur zu dem verkürzten Schluss: „Auch die „Rechtschreibwerkstatt“ [von Norbert Sommer-Stumpenhorst] gibt den Schülerinnen und Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.“

Das Konzept der Rechtschreibwerkstatt

All Ihre Aussagen zur Rechtschreibwerkstatt lassen erkennen, dass Sie sich mit dem Unterrichtskonzept nicht wirklich auseinandergesetzt haben. Kein Problem für jemanden, der Vertrauen in die Kompetenzen unserer Lehrkräfte hat und diese Auseinandersetzung lieber den Fachleuten überlässt. Aber erschreckend für jemanden, der gerade über mehrere Jahre hinweg eine „groß angelegte Studie“ zum Thema durchgeführt hat.
Die Rechtschreibwerkstatt ist ein klar strukturiertes Unterrichtskonzept, das den Gesamtkomplex der deutschen Rechtschreibung in überschaubare Lernbereiche unterteilt. Diese Lernbereiche wiederum sind nicht willkürlich ausgedacht, sondern orientieren sich am Regelwerk der deutschen Rechtschreibung und an dem qualitativen Entwicklungsprozess, den jedes Kind im Laufe des Schriftspracherwerbs durchläuft. Die Rechtschreibkompetenz der Kinder wird also sehr systematisch aufgebaut und mit jedem Lernbereich erweitert, von den Grundprinzipien über Besonderheiten zu den Ausnahmen.
Die Rechtschreibwerkstatt eröffnet individuelle – aber nicht beliebige! – Lernwege. Dies ist eigentlich unabdingbar bei den sehr heterogenen Lerngruppen, mit denen wir es in der Grundschule zu tun haben. Und unabdingbar auch für kompetenzorientierten Unterricht, wie ihn unsere Lehrpläne fordern. Im Gegensatz dazu führt ein gleichschrittiges Vorgehen eigentlich immer dazu, dass langsame Lerner abgehängt und solche mit hoher (Schrift-)Sprachkompetenz ausgebremst werden.
Die Rechtschreibwerkstatt setzt auf wenige, erfolgreiche Übungsmethoden, mit denen das Rechtschreibgespür, das Regelwissen und die Korrekturkompetenz sehr ertragreich trainiert werden können.
Den Modellwortschatz der Rechtschreibwerkstatt gibt es seit nunmehr 30 Jahren. Mit ihm werden in ansteigender Schwierigkeit 960 Wörter geübt, die modellhaft für die unterschiedlichen Rechtschreibphänomene stehen. Verschiedene Landesregierungen haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, etwas Ähnliches an den Grundschulen verbindlich einzuführen – unser Modellwortschatz liegt fertig vor, seit drei Jahrzehnten bewährt und erfolgreich. Gerne stellen wir unser Know-How den Bildungsministerien der Länder zur Verfügung.
Die Rechtschreibwerkstatt steht in besonderem Maße für effizientes Üben, weil kein Kind Dinge üben muss, die es schon beherrscht, weil die Methoden (bei genauer Einhaltung) zu einem hohen Lernertrag führen und weil durch die begleitende Lernstandsanalyse für jedes Kind Übungen und Materialien passgenau ausgewählt wer-den können, die es individuell voranbringen.
Mit der Rechtschreibwerkstatt (wie mit keinem anderen Lehrwerk) wissen die Lehrkräfte durch die regelmäßige qualitative Analyse der Rechtschreibkompetenz zu jeder Zeit und für jedes Kind genau Bescheid, wo es steht, was es schon kann und was es als Nächstes lernen kann.
Wenn Sie es nun doch genauer wissen möchten und Sie an anderer Stelle weiterlesen möchten, empfehle ich Ihnen die Stellungnahme der Rechtschreibwerkstatt (vom 19.09.2018) zu Ihrer „Studie“. Dort finden Sie auch viele weitere Links und Literaturangaben.

Eine Einladung

Sehr geehrte Frau Professorin Röhr-Sendlmeier, da Sie bisher offensichtlich noch keinen Unterricht nach der Rechtschreibwerkstatt erlebt haben, darf ich Sie einladen, mit mir persönlich Unterricht zu besuchen. Nicht für 10 Minuten, sondern schon etwas länger und auch in verschiedenen Lerngruppen. Vielleicht entdecken Sie ganz neue Anregungen für zukünftige Forschungsfragen.
>Dies hat aber nur dann einen Sinn, wenn mein Eindruck sich nicht bestätigt, als wollten Sie mit dieser neuen „Studie“ das Ergebnis einer früheren Untersuchung von Ihnen korrigieren. Damals erwies sich die Fibel gegen-über den Methoden „Lesen durch Schreiben“ und „Rechtschreibwerkstatt“ als unterlegen bzw. gleichwertig (vgl. Röhr-Sendlmeier et al.: Die Auswirkungen unterschiedlicher Didaktiken und elterlicher Anregungen auf den Orthographieerwerb im Grundschulalter, in: Bildung und Erziehung, 2007, Bd. 60, S. 357 ff.). Es ist schon fragwürdig, wie sich innerhalb weniger Jahre die „wissenschaftlichen“ Ergebnisse zugunsten des Fibelunterrichts derart umkehren können.
Und damit möchte ich schließen: Wir von der Rechtschreibwerkstatt haben nichts einzuwenden gegen einen fairen, wissenschaftlichen Diskurs. Im Gegenteil sind wir sehr interessiert an gut gemachter Forschung mit klar umgrenzten Fragestellungen, mit ausgefeilter Methodik und mit aussagekräftigen Veröffentlichungen, die der Pressemeldung vorausgehen. Denn schließlich möchten auch wir uns stetig verbessern, damit es die Rechtschreibwerkstatt noch lange gibt und wir viele Menschen mit einem ausgereiften Unterrichtskonzept überzeugen können.

Es kann nicht angehen, dass in Deutschland jedes Jahr aufs Neue dieselben Rechtschreibmethoden „durchs Dorf getrieben“ und für die Auswirkungen der sich ständig, rasant und dynamisch verändernden gesamtgesellschaftlichen Bedingungen für Schule und Lernen im Besonderen verantwortlich gemacht werden. Irgendwann muss auch mal Schluss sein! Ebenfalls kann es nicht angehen, dass am Ende einer wenig qualifizierten Studie mit simplen Schlagworten die Forderung nach der „Rückkehr zum Vorgestern“ gestellt wird. Wir haben eine nie da gewesene Heterogenität auf den verschiedensten Ebenen in unserer Gesellschaft und damit auch in unseren Schulen. Dem kann nur Rechnung getragen werden mit einer differenzierten Herangehensweise unter Berücksichtigung individueller Lernwege für die Kinder.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Tofing

Picknick im Wald

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